Ansichtssache

An unser Ferienhaus im Harz grenzt ein etwa 20 Meter abfallender Steilhang, der sich noch auf unserem Grundstück befindet und der vor hunderten von Jahren ein Steinbruch gewesen sein soll. An manchen Stellen so steil, daß man kaum stehen kann, habe ich den Hang der Natur überlassen. Ein riesiger Ahornbaum hatte sich ohnehin schon vor Jahrzehnten dort angesiedelt und seine hunderten „Babys“ ringsum festigten mit ihren Wurzeln das Erdreich. Mit den Jahren hatte dieses Unterholz allerdings eine solche Größe erreicht, daß Gäste des Ferienhauses das Grundstück als „wild“ und als „für Kinder nicht geeignet“ bezeichneten. Außerdem wurde ich von den Nachbarn, die angeseilt ihren Teil des Hanges regelmäßig mähen (die über 70 Jahre alte, schwerkranke Frau hält dabei das eine Ende des Seils, während der ebenfalls hochbetagte Ehemann das andere Ende um die Hüfte gebunden hat und mit der Motorsense das Gras englisch kurz hält) darauf angesprochen, ob ich „da nicht mal was machen wolle“. Weil ich immer den Konsens mit meinen Mitmenschen suche, beschloß ich, telefonisch einen Hausmeisterdienst damit zu beauftragen, das Unterholz zu entfernen.
Weshalb dieser seine Arbeit damit begann, den wunderschönen Ahornbaum zu fällen, erschließt sich mir nicht wirklich. Vermutlich hat das Holz, welches ihm angeblich gestohlen wurde und das er als Brennholz verkaufen konnte, eine solch große Begierde geweckt, daß jeder Skrupel erlosch.
Und so fand ich den Hang am letzten Wochenende ohne einen einzigen Baum oder Strauch, niedergetrampelt und übersäht mit Stümpfen vor.
Und während ich, entsetzt und mit den Tränen kämpfend, das Gemetzel besehe, spazieren mein Nachbar und seine Frau vorbei und rufen mir sichtlich erfreut zu: „Na, jetzt sieht es ja wieder vernünftig aus!“